Mythos "Überleben Land"

"Die Wahrheit liegt bekanntlich in der Mitte."

Wenn jemand, der den Lehrgang "Überleben Land für Offiziersanwärter" (ÜL Land OA) besucht hat, ihn beschreiben sollte, was er und wie er ihn erlebt hat, dann ist das Sprichwort genau an dieser Stelle angebracht.
Subjektives vom Objektiven zu trennen, vermag wohl den Meisten schwer fallen. Die Tatsache, dass dieser Lehrgang, ich glaube sagen zu können, ein körperlich sehr anstrengender ist, vernebelt dem einen oder anderen die Sicht für die Realität. Ich möchte auch keine Wertung vornehmen, sondern dieses jedem selbst überlassen. Andernfalls möchte ich den Lehrgang damals und heute inhaltlich beschreiben und dieses anhand einiger Bilder darstellen.

Ich selbst kann aus meinen Erfahrungen (seit 2002) berichten und kenne viel aus den Erzählungen des Uraltausbilder Willi Kaiser. Er war bis 1982 Ausbilder im Hörsaal 26 und ist dem einen oder anderen bekannt als Bauernwirt aus Roßhaupten.

Die Überlebensausbildung im Sauwaldhof hat zwei Gesichter. Da ist zum einem die Einzelkämpferausbildung und zum anderen die Überlebensausbildung der Offiziersanwärter der Luftwaffe. Beides fand seinen Anfang in den 70er Jahren und hat bis heute Bestand.
Zum EK-Lehrgang kann ich nicht allzuviel aussagen. Ich weiß, dass der EK1 4 Wochen dauert und viele gleiche Anteile wie beim ÜL Land der OA beinhaltet. Trotzdem kann man beide Lehrgänge nicht vergleichen; Das Klientel ist anders, die Lehrgangszeit und insbesondere das Ziel. Die Motivation der Lehrgangsteilnehmer ist eine andere Sache.

Wie schon gesagt; Zeitlich gesehen gibt es diesen Lehrgang seit den 70er Jahren. (Gegenteiliges habe ich noch nicht gehört, lasse mich aber gern belehren.) Damals wie heute soll der Lehrgang den Soldaten physisch und psychisch belasten und ihn an die persönlichen Grenzen heranführen. Festzustellen ist, dass es bei manchen sehr schnell geht. Von "echten" Verletzungen einmal ganz abgesehen, liegen An- und Abreisetag seltsamer Weise exakt am Selben. Aber ist an dieser Stelle auch zu bemerken, dass alle diejenigen, die einigermaßen sportlich fit sind und im Kopf frei sind, diesen auch anstandslos durchhalten. Dafür meinen Respekt.

Der alte Lehrgang

Aber was ist der Inhalt dieses Lehrganges? Wer ihn damals und heute kennt, kann Parallelen ziehen. Der Wiedererkennungswert ist, trotz sich ändernden Inhalten, sehr hoch. Elementare Ausbildungen waren und sind:
Turmsprung, Hindernisbahn, Märsche aller Art, überwinden von Geländeabschnitten (Seilsteg), Durchwaten, Feuer, Schlachten, Verwundetentransport usw...

Wenn man den Erzählungen älterer Offiziere von "früher" lauscht (Das muss die Zeit der Holzschuhe und Holzgewehre gewesen sein.), dann sind folgende positive Dinge hängen geblieben: gute Kameradschaft im Hörsaal und die eigenen Grenzerfahrungen in Bezug auf Höhenangst bzw. körperliche Belastung. Negatives wird meist im Zusammenhang mit Schinderei durch die Ausbilder, auch gerne als Dummfick angesehen.
Eines muss man ganz klar sagen; Das Wetter spielt der Ausbildung zu. Eine Woche im Dezember 2009: bis -17 °C und mäßiger Wind. Diese Situation wirkt erschwerend und macht so eine Woche zur Qual.

So gestaltete sich die Ausbildungswoche damals

Vielleicht an dieser Stelle einen Ausbildungsablauf, der sich bis vor kurzer Zeit kaum geändert hat:

Montag
 - Turmsprung
 - 3 km Marsch zum Sauwaldhof
 - Einweisung/Belehrung
 - Hindernisbahn
 - Tipibereich beziehen
 - Ausbildung Feuer & Holz
 - Knotenausbildung
 - Einzelschützenverhalten
 - Spähtrupp zur Erkundung

Dienstag
 - Seil- und Seilstegausbildung
 - Hindernisbahn
 - Seiltag in Zwingen
 - Orientierungsmarsch

Mittwoch
 - Tragenbau
 - Gruppengefechtsbahn
 - Hindernisbahn
 - Spähtrupp

Donnerstag
 - Feuertest
 - Schlachten
 - Übung

Freitag
 - Verwundetentransport + Hindernisbahn

So oder so ähnlich kann der Ablauf ausgesehen haben. Eines war immer gleich: wenig zu essen, wenig schlafen und viel unterwegs sein.

Was hat sich inzwischen alles verändert?

Nun ja, wie gesagt, die Inhalte sind in vielen Dingen gleich geblieben. Weicher ist der Lehrgang bestimmt auch nicht geworden. Wenn man früher im alten Tipibereich 'einquartiert' war, so ist das Wort Tipi im Moment gestrichen. Er wurde damals noch mit alten Fallschirmen errichtet. Wer den Unterschied kennt, weiß dass diese Art der 'Unterkunft' gegenüber der gespannten Zeltplane oder des Ponchos purer Luxus sind. So sind die Ruhephasen davon geprägt, sich mit der eigenen Ausrüstung einen Wetterschutz, sofern man den Willen dazu hat, zu errichten. Geplante Ruhe gibt es gemäß Ablaufplan zur Zeit nur noch 4 h und das ist Freitag von 0200 bis 0600. Ansonsten nur spontan, wenn die Lage dieses zulässt.
Der Turmsprung - wer kennt ihn nicht. Ein flaues Magengefühl überkommt einem doch wenn man da steht. Ein herausragendes Hindernis der Selbstüberwindung, nur leider seit diesem Jahr (2011) gecancelt.
Märsche gibt es nach wie vor viele. Anzahl und Länge sind variabel und richten sich danach, wie die Lehrgangsteilnehmer gewillt sind, mitzumachen. Es geht bei der Auftragserfüllung nicht darum, die 100 %ige Lösung darzubieten, sondern den Auftrag irgendwie zu erfüllen. Ignoranz oder Lustlosigkeit bis hin zum bockigen Verhalten, so wie es bei einigen weiblichen Lehrgangsteilnehmern schon vorkam, sind die schlechtesten Wegbereiter bei der Auftragserfüllung. Desweiteren sind das genau die Situationen, in denen der Ausbilder ansetzt und zum Salzstreuer für die Wunde wird.
Hier zeigt es sich auch, ob der Hörsaal es gelernt hat, wirklich kameradschaftlich zu denken und zu handeln. Kameradschaft ist für viele nur ein Wort, was man so dahin sagt und denkt dabei an sogenannte Kameradschaftsabende in der Bierlaune. Sich aber unterstützen und helfen heißt anpacken, ohne das einer was sagt, heißt handeln, ohne das einer befiehlt und heißt auch, die Opferrolle zu verlassen und Initiative zu ergreifen. Jemanden hinterher zu rufen: "Los, das packst du schon!", ist keine wirkliche Unterstützung und hat mit Kameradschaft in keiner Weise etwas zu tun. Das sind aber Dinge, die bis dahin von vielen, aufgrund ihres Alters und ihrer Erziehung, noch nie verlangt worden sind. Hier zeigt sich die wahre Reife eines Menschen, die mit der Biologischen nichts gemein hat.

Einer der herausragenden Ausbildungsabschnitte war bis jetzt der sogenannte Seiltag. Früher wurde dieser an der Ammer bei der Echelsbacher Brücke durchgeführt, später wurde das Gelände bei 'Zwingen' genutzt (Gehöft 4000 m SW vom Sauwaldhof). Landschaftlich reizvoll sind beide Geländeabschnitte, Zwingen hatte den Vorteil, dass man dort in den 90er Jahren einen stationären Seilsteg einrichtete. Dieser Seilsteg war 31 m hoch über Wasser (Halblech) und ca. 65 m lang. Dieser doppelte Seilsteg wurde aus Stahlseilen errichtet und war das Highlight der Ausbildung. Je nach Spannung der Seile, stellte dieses Hindernis eine Herausforderung besonderer Art dar. Weiterhin gab es noch diverse Seilstege im unteren Bereich über den Halblech. All diese Seilstege wurden im Jahre 2009 Opfer des Arbeitsschutzes und mussten, so wie sie errichtet worden sind, in einer Nacht- und Nebelaktion demontiert werden. So wird heute auf herkömmlicher Weise die Seilstege jede Woche neu mit Statikseilen errichtet und wieder abgebaut.
P.S.: An einer Lösung wurde gearbeitet und so wurde im Jahre 2011 der neue Seilsteg im Bereich des StOÜbPl errichtet. Er hat zwar nicht mehr die Höhe von 35 über Wasser, ist aber noch länger und damit kraftraubender.
Seiltag bedeutet auch heute noch Abseilen an der Felswand und Durchwaten, soweit Strömung und Wattiefe des Halbleches es zulassen.

Ein anderer Ausbildungsabschnitt ist das Schlachten von Tieren. Während damals Hase, Huhn und Fisch geschlachtet wurden, beschränkt es sich heute bei den MilFD-Lehrgängen auf Hase und Fisch und bei den TrOAs nur noch auf den Fisch. Auch diese Art der Ausbildung ist für viele prägend. So gehört dieses zwar zu unseren ureigensten Handlungen, jedoch praktiziert wird dieses nur noch in speziellen Berufszweigen. Dementsprechend ist der notwendige Grad der Überwindung bei den Lehrgangsteilnehmern mehr oder weniger hoch. So oder so freuen sich alle am Ende über das wenige, aber lang erwartete Essen.

 

 

 

Der neue Lehrgang

Mit dem Beginn der Saison 2009/2010 hat sich der Lehrgang gewandelt. Natürlich wird man auch hier feststellen, dass viele Inhalte aus den vergangenen Zeiten wiederzufinden sind. Das liegt nun auch einmal an der vorherrschenden Infrastruktur rund um den Sauwald. Und doch hat sich eine Menge getan.
Mit dem Beginn der Einsätze der Bundeswehr haben sich inzwischen viele Probleme gezeigt, die man so aus der "alten guten Zeit" des Kalten Krieges nicht kannte - Personnel Recovery. Ein Geschäft, in dem die Bundeswehr den anderen NATO-Staaten weit hinterher ist, sei es materiell oder personell. (Obwohl, so alt ist diese Klamotte auch nicht, denken wir nur an die Jet-Besatzungen.) Um im Einsatz "isolates Personnel" zu "recovern", fehlt es uns an den geeigneten Transportmitteln sowie an der nötigen Ausbildung (Stand 2011). Kurz gesagt - Neuland.
Als deutsche Soldaten sind wir mitten drin, weltweit und in den unterschiedlichsten Aufgaben eingesetzt. Das birgt ungeahnte Gefahren in Bezug auf Isolation oder wie wir es früher nannten, Versprengung. Um die Soldaten auf diese möglichen Situationen vorzubereiten, wurde der Lehrgang umgestellt und lehrt nun Inhalte des SERE - Level B.

Das waren mitunter die Anreize bei der Neukonzeptionierung dieses Lehrganges und selbstverständlich das Ineinklangbringen mit dem alten Gedanken, die physischen und psychischen Belastungsfaktoren aufrecht zu erhalten. Entstanden ist ein Lehrgang, der dem SERE Level B entspricht. Survival Evasion Resistance and Extraction - steht für Überleben - Ausweichen/Flucht - Widerstehen gegen Befragung - Herausholen.
Nach einigen Durchgängen wurde der Lehrgang weiter optimiert und wird, so haben es viele Lehrgangsteilnehmer verlauten lassen, positiv und als sehr erlebnisreich empfunden - anstrengend, aber lohnend. Gleiches ließ das Personal der OSLw verlauten: "Genau das, was wir wollten; Weiterhin anstrengend und fordernd und trotzdem erlebnisreich gepaart mit aktuellen Ausbildungsinhalten."

Bemerkt muss an dieser Stelle werden, dass bestimmte Ausbildungen schon im Vorfeld laufen, da sie in der Kürze der Zeit nicht in der Woche zu bewältigen wären. Z.B.: Funkmittelausbildung, 4 Flucht-Phasen-Modell, Gefangenschaft und Geiselnahme, Rettungskette bei Isolation, EPA (Evasion Plan of Action), Humanitäres Völkerrecht usw. ...
Dass das alles nicht der Weisheit letzter Schluss ist, sollte jedem klar sein. Ecken und Kanten gibt es auch da noch und es wird daran gearbeitet. Schwierigkeiten, die sich jetzt schon zeigen sind, dass die LTs nicht das allgemeinmilitärische Basiswissen besitzen und es in bestimmten Situationen an Erfahrung mangelt, um auch alle Ausbildungsabschnitte zu verstehen. Da aber die Soldaten erst am Anfang ihrer Ausbildung stehen, sollte das auch kein Grund zur Verzweiflung sein. Eines darf man nicht vergessen - es werden Grundlagen geschaffen, um den Soldaten im zukünftigen Einsätzen auf solche Situationen vorzubereiten.

Höhepunkt dieser Woche ist auf alle Fälle die Rescue Mission. 2009 und 2011 wurde sie komplett mit der Bell UH-1D durchgeführt, soweit es möglich war. Dabei sind zwei dieser Maschinen nachts im taktischen Einsatz, um das isolierte Personal zu recovern. Eine wohl unvergessliche Erfahrung für jeden Lehrgangsteilnehmer. Was 2011 bringt, werden wir sehen.

Die aktuelle Ausbildungswoche im Überblick

Hier der Ablauf der Woche, so wie er sich zur Zeit wiederspiegelt:

Montag
 - Eilmarsch zum Sauwaldhof
 - Hindernisbahn
 - Einweisung/Belehrung
 - Versteck/Wetterschutz/Tarnen
 - Versteck/Wetterschutz/Tarnen/Signalmittel
 - Knotenausbildung
 - Unterrichtungen: ISOPROP, EPA, Pflanzenkunde
 - Spähtrupp zur Erkundung

Dienstag
 - Seilgarten, Seilstege, Abseilvorausbildung
 - Seiltag
 - Nacht-Orientierungsmarsch

Mittwoch
 - Gruppengefechtsbahn
 - Schlachten
 - Übung

Donnerstag
 - Übung
 - Rettungsaufnahme
 - Spähtrupp zur Aufklärung
 - Rohgemüse, Ruhephase

Freitag
 - Verwundetentransport + Hindernisbahn

Dem aufmerksamen Leser ist es bestimmt aufgefallen, dass der Turmsprung fehlt. Ja! In der Saison 2011/2012 wird er definitiv nicht durchgeführt. Der Grund liegt in einer Verletzung eines Soldaten, der freiwillig diesen Sprung wagte, aber nichts mit der Materie zu tun hatte und nun die Folge eine Sperrung des Turmsprunges auf längere Sicht für alle ohne BA 90/5 Sprungtauglichkeit hat. Und eine Anmerkung noch dazu: Die Erfahrung zeigt es, was einmal weg ist, kommt so schnell nicht wieder. (Außer das Weihnachtsgeld ab 2012).

Was bringt die Zukunft?

Dieses an dieser Stelle im Zuge der Reform zu beantworten, wäre rein spekulativ. Die OSLw zieht wahrscheinlich 2015 nach Roth um und Altenstadt verändert sich. Was kommt, hängt von vielen Faktoren ab und ließe sich auch zum jetzigen Zeitpunkt nicht sagen.
Ich hoffe, dass es diese einmalige Ausbildungsstätte Sauwaldhof noch lange geben wird!

Ein paar Bilder ...

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[Here can you see pictures of the slaughtering of fish, hare and chicken.]
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[Here can you see pictures of a recovery mission on 2011-03-31 by day.]
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Gedanken von Andreas Strandt